Barock − das Handwerk als Kunstwerk

Marmorimitationen werden im Barock mehr und mehr üblich und gewinnen sehr an Popularität. Typisch für barocke Marmorierungen sind die kräftigen Äderun- gen und die Ausführung in deckenden Farben, oft satte gelbe, ultramarinblaue, tief grüne und rote Farben sowie recht dunkle graue Töne.

Sie wurden auf Deckenflächen, Balken, Rahmenwerk, Türen, Fußleisten und Fenstern angewendet (s.Abb. 1). Marmorimitationen wurden im Barock oft als dekorative Effekte eingesetzt − mit farblichen Kontrasten, ohne eine bestimmte Steinsorte zu imitieren. Es galt, einen impo- santen Eindruck zu erwecken. Bewusst setzte man helle und dunkle Partien zusammen mit kräftigen Äderungen ein, künstlerisch betont, um eine Marmorwirkung zu erzielen.Diese Marmorimitationen wurden in wässrigen Techniken (leimgebundener, Kalk- oder Kaseinfarben) sowie in Ölfarbentechnik ausgeführt.

Klassizismus − neue Vorbilder

Zum Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts finden Marmorimitationen gleichfalls ihre Liebhaber. Die Ausgrabungen in Pompeji bringen neue und unbekannte Vorbilder. Die Dekorationsform verändert sich − Marmorierungen wurden nun in einer zurückhaltenden, gedämpfteren Variation ausgeführt. Einfarbige Flächen in Hellgrau oder Grauweiß imi- tierten den hellen Marmor, in hellen grauen Tönen bis hin zu Schwarz entstanden sehr schöne zurückhalten- de Marmorimitationen (s. Abb. 2). Den Vorrang haben kühlere und blasse Farben, die ihre volle Farbintensität in matter Form entwickeln. Daher findet man Marmor in dieser Zeit oft ausgeführt in Leimfarbe, Kalk- und Kaseinfarbentechnik.

Marmorimitationen wurden oft in repräsentativen Zusammenhängen ausgeführt, und man findet sie daher typischerweise in herrschaftlichen Räumen oder Ein- gangspartien der Gebäude, in privaten Räumen dagegen seltener. Mit einer Ausnahme: Ofenplätze wurden häu- fig mit Marmorierungen − in Leimtechnik ausgeführt − dekoriert. Dafür gibt es eine praktische Erklärung. Gibt man dem Ofenplatz eine etwas „gesprenkelte“, „gefleckte“ Dekoration wie eine Marmorierung, dann treten die Rußflecken weniger deutlich in Erscheinung. Musste der schnell verrußende Ofenplatz malerisch er- neuert werden, wusch man die Leimfarbendekoration einfach ab und trug eine neue Marmordekoration auf. (vgl. Bregnhøj 2010).

Historismus − modern und effektvoll

Mit dem Historismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts werden Marmorierung und die Imitation von Holz sehr modern und gern als effektvolles Dekorationsmittel eingesetzt. Eingangshallen, die einen standesgemä- ßen Eindruck widerspiegeln sollten, erhielten durch Marmorimitationen eine repräsentative Prägung. Um quaderförmige Steinblöcke zu imitieren, teilte man die großen Wandflächen mit Hilfe von Linierarbeiten mit Licht- und Schattenwirkung in kleinere Felder ein und imitierte dann diese Felder in dem gewünschten Marmor. Zum Ende des Jahrhunderts werden die Mar- morierungen − zeitgleich mit Holzimitationen − mehr und mehr naturgetreu nachempfunden. Der damalige Zeitgeschmack erforderte damit auch eine technische Veränderung in der Ausführung. Marmor wurde jetzt hauptsächlich in Öltechnik imitiert. Sie erlaubt einen lasierenden Aufbau, teils nass in nass, und erzielt durch eine Lackierung zum Schluss eine Tiefenwirkung, die imitierten Marmor schwer von natürlichem Stein un- terscheiden lässt (s. Abb. 3). Die am häufigsten imitierten Marmor-/ Steinsorten waren Carrara (Weiß) aus Italien, Siena (Gelb) aus Italien, Gjellebek (Grau) aus Norwegen, Vert de mer (Grün) aus Frankreich und Rouge Royal (Rot) aus Belgien.

Gegenwart − Handwerk erhalten 

Marmorierungen als Handwerkserzeugnis finden heute kaum noch Beachtung. Es gibt andere Methoden, Stein zu imitieren, und das Malerhandwerk hat als solches viel an Kunst und Fertigkeit verloren. Der Handwerkscharakter des Malerfaches hat sich zunehmend verändert. Hundert Jahre zurückgeschaut, gab es neben dem Maler und Lackierer Spezialisierungen zum Schildermaler, Möbel- und Dekorationsmaler, darunter Spezialisten für Holz- und Marmorimitationen. Das Malerfach besaß eine Vielseitigkeit und Kunstfertigkeit, die heute häufig nur in Restaurierungszusammenhängen gefragt ist. Die Methode, glatt geschliffene und farbenreiche Oberflächen mit den charakteristischen Äderungen nachzuempfinden oder Holzstrukturen durch Lasurtechnik nachzubilden, ist eine alte Kunst. Die Holzimitation entwickelte sich maßgeblich in Frankreich Ende des 17. Jahrhunderts und hatte immer die Absicht, die Natur nachzubilden. Marmorimitationen dagegen lassen der Fantasie mehr Spielraum und erreichten im Barock eine Vollkommenheit, die sie nie wieder erlangten. Besonders Form und Farbe erwuchsen aus reiner Fantasie.

Wenn man bis heute die Marmorierungstechnik anwendet, liegt das nicht allein am Mangel von echtem Marmor, sondern auch daran, dass man dekorativ „eingreifen“ möchte. Zum Beispiel wurden in Italien, wo es ja reiche echte Marmorvorkommen gibt, Marmorierungen auch in Gebäuden angewendet, wo sonst keine Rücksicht auf hohe Kosten genommen werden musste. Da findet man Marmorimitationen direkt neben dem echten Stein. In Kirchen, Schlössern und herrschaft- lichen Anwesen entdeckt man immer wieder Beispiele für wunderschöne Marmorimitationen. Diese wurden oft mit deckenden Ölfarben ausgeführt. Maler, die eher in ländlichen Gebieten arbeiteten, kannten nicht unbedingt Lasurtechniken und waren daher auf simple Mittel angewiesen, um eine Illusion von Holz und Marmor zu erschaffen. Immer wieder trifft man auf altes Inventar, Truhe, Schränke mit diesen einfacheren, doch sehr charmanten Ausführungen. Mit der Walz, also den wandernden Handwerkern, fanden die natürlichen Imitationen, in Lasurtechnik ausgeführt, immer mehr Verbreitung. Das Wissen über die verschiedenen Techniken verbreitete sich nun in alle Gebiete Europas.

Literatur

Bäck, Arne: Historiske Maleteknikker – Ådring og marmo- rering, Teaterteknikerforbundet i Danmark, 1993 Bregnhøj, Line: Det malede Rum − Materialer, teknikker og dekorationer 1790-1900, Vesterborg 2010

Dubarry de Lassale, Jacques: Marmor −Vorkommen, Bestim- mung, Verarbeitung, Stuttgart München 2002
Gode Råd om gamle Maleteknikker, Forening til norske For- tidsminnesmerkers Bevaring Oslo, 1992.

Preisler, Bahne: Malearbejde i Praksis, Kopenhagen 1948 Schönburg, Kurt: Historische Beschichtungstechniken, 2. überarbeitete Auflage, Berlin 2006.